Vorsicht Übertherapie !

 

aus der Sendung Odysso vom Donnerstag, 6.2.2014 | 22.00 Uhr | SWR Fernsehen

 

Knorpelglättung ist eine häufig angewandte Methode gegen Knieschmerzen. Die Idee hinter einer sogenannten Arthroskopie klingt plausibel: "Glatter Knorpel gleitet besser und bereitet weniger Schmerzen." Studien haben dies jedoch nicht bestätigt.

 

Studie: Arthroskopie bringt keinen Vorteil

Etwa eine halbe Million Arthroskopien im Jahr machen Ärzte in Deutschland. Bei dem minimalinvasiven Eingriff dringen Orthopäden mit einem Endoskop ins Kniegelenk ein, um mit einer Fräse Knorpelgewebe zu entfernen, das nicht den Idealvorstellungen entspricht. Das soll gegen Knieschmerzen helfen.

Doch schon im Jahr 2002 veröffentlichte der US-amerikanische Orthopäde Bruce Moseley eine Studie, die das Behandlungsmodell grundsätzlich infrage stellte: Er teilte Patienten mit Knieschmerzen in zwei Gruppen. Die eine Gruppe bekam eine echte arthroskopische Knorpelglättung –nach allen Regeln der Kunst wurden die Gleitlager im Kniegelenk überarbeitet. Die Placebogruppe bekam eine Schein-OP. Die Bilder auf dem Monitor kamen vom Band, am Knie gab es nur zwei kleine Hautschnitte.

Beide Gruppen wurden zwei Jahre nachuntersucht. Dabei zeigten sich keine Unterschiede - nicht beim Gebrauch von Schmerzmitteln, nicht bei der Beweglichkeit, nicht bei der subjektiven Einschätzung der Patienten. Die Arthroskopie erweis sich als wirkungslos, als bloßer Hightech-Schamanismus mit einem gewissen Placeboeffekt.

Orthopäden kritisieren die Studie

Orthopäden wie Dr. Martin Engelhardt vom Klinikum Osnabrück, die mit Knorpelglättungen Geld verdienen, fanden das Ergebnis der Studie unerhört und wehrten sich dagegen. Schon im Jahr 2006 sagte Engelhardt im ARD-Magazin Kontraste: "Damit unterstellt man ja, dass aufgrund von vordergründigen, finanziellen Interessen einzelner Kollegen letztendlich bewusst eine Schädigung der Patienten in Kauf genommen wird. Das ist ein unerhörter Vorwurf."

Das Thema wurde in Fachzeitschriften diskutiert und auf Kongressen besprochen. Orthopäden wollten jedoch keine Konsequenzen aus der Studie ziehen. Stattdessen einigten Fachkreise sich darauf, dass die Moseley-Studie schwere methodische Mängel habe, und fuhr unbeirrt fort mit dem Knorpelglätten.

Unabhängige Experten erklären Arthroskopie für sinnlos

Im Sommer 2013 veröffentlicht das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) eine Übersichtsanalyse zum Knorpelglätten, die auf immerhin zehn Einzelstudien basiert. Das klare Ergebnis des "Deutschen Medizin-TÜV" erklärt Dr. Stefan Sauerland, Leiter der IQWiG-Abteilung für nichtmedikamentöse Therapien, so: "Das Urteil des IQWiG zur Arthroskopie ist im Kern negativ. Das heißt, bei der Indikation Kniegelenksverschleiß glauben wir nicht, dass die Arthroskopie – sei es mit Knorpel- oder Meniskusglättung oder nur ein reines Durchspülen - einen Vorteil hat. Das heißt, aus unserer Sicht erschiene es sinnvoll, wenn diese Intervention in Zukunft nicht mehr durchgeführt würde." Zumal eine Arthroskopie, wie jeder medizinische Eingriff, auch Risiken birgt. Dazu könnten Beinvenenthrombose, Kniegelenksinfekte oder Narkosekomplikationen gehören, erläutert Sauerland.

 

Prof. Fritz Uwe Niethard, Generalsekretär der Fachgesellschaft für Orthopädie und orthopädische Chirurgie

Umso erstaunlicher, dass die zuständige Fachgesellschaft für Orthopädie und orthopädische Chirurgie auch nach diesem klaren Nein des IQWiG an der Knorpelglättung festhält. Ihr Generalsekretär Prof. Fritz Uwe Niethard, der selbst in seinem aktiven Berufsleben etliche hundert Knieknorpel glatt gemacht hat, verkündet selbstbewusst: "Wir haben verschiedene Sektionen, die sich ganz spezifisch mit Arthroskopie, mit Kniegelenkserkrankungen beschäftigen. Und diese Sektionen haben drei unterschiedliche Stellungnahmen dazu abgegeben, die sämtlich zu dem Schluss gekommen sind, dass diese generelle Aussage, so wie sie jetzt vom IQWiG aufgrund dieser zehn Studien gemacht wurde, so nicht tragbar ist."

Das SWR-Odysso-Team ist erstaunt über die Beharrlichkeit und sucht in der Heidelberger Atos-Klinik Rat bei dem international renommierten Kniespezialisten Prof. Hans Pässler. Er hat Sportgrößen wie Bastian Schweinsteiger und Steffi Graf operiert. Was hält er von der weiterhin positiven Einstellung der Orthopäden zum Knorpelglätten? "Es ist eigentlich nicht nachvollziehbar, dass trotz Vorliegens dieser eindeutigen Studien die Kollegen an diesen Operationen festhalten und sich gegen die Erkenntnisse wehren", urteilt Pässler. "Das kann eigentlich nur finanzielle Gründe haben. Und man darf nicht vergessen, dass auch beim Glätten des Knorpels oft viel zu tief in gesunde Knorpelschichten hineingeshaved wird, wie es so heißt. Das heißt: Der Prozess der Arthroseentwicklung wird eigentlich beschleunigt durch diesen Eingriff."

Orthopäden wollen das lukrative Knorpelglätten weiter betreiben

Prof. Pässler spricht aus, was Mediziner in Deutschland sonst selten in der Öffentlichkeit zugeben: Finanzielle Interessen verleiten Kollegen zu sinnlosen, bisweilen sogar schädlichen Eingriffen. Eine Bankrotterklärung für die medizinische Ethik. Als SWR-Odysso vom Generalsekretär der zuständigen orthopädischen Fachgesellschaft, Prof. Niethard, wissen will, wie viel Umsatz eine arthroskopische Knorpelglättung bringt, hat der routinierte Knorpelglätter plötzlich Erinnerungslücken: "Für die Arthroskopie", setzt Prof. Niethard beherzt an und gerät sogleich ins Stocken. Er ringt eine Zeit lang mit einer ganzen Sammlung von Ähs und fährt dann fort: "Das kann ich ihnen jetzt auch nicht ganz genau sagen." Das hänge von verschiedenen Dingen ab.

Für eine Knorpelglättung gibt es etwa 800 Euro, zeigen die Recherchen von SWR-Oydsso. Gutes Geld für einen halbstündigen Eingriff. Offenbar wollen viele Orthopäden dieses lukrative Geschäft partout nicht aufgeben - auch wenn der Eingriff medizinisch sinnlos ist. Sollten Krankenkassen den Eingriff nach der negativen IQWiG-Empfehlung jedoch nicht mehr bezahlen, wird die Zahl dieser Arthroskopien sicher innerhalb kurzer Zeit deutlich sinken.

 


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