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          Kinesio-Taping auf dem Prüfstand – Was sagt die aktuelle Wissenschaft?

 

 

Die bislang umfangreichsten wissenschaftlichen Analysen zum Kinesio-Taping wurde 2026 unter der Leitung von Mo Qingcong veröffentlicht.

Aus Sicht eines evidenzorientierten Physiotherapeuten ist diese Arbeit ausgesprochen interessant. 

Die größte Stärke der Studie: Methodisch steht die Arbeit auf einer hohen Ebene der Evidenzhierarchie. Sie wertete 128 systematische Reviews mit 310 randomisierten Studien und über 15.000 Teilnehmenden aus und bewertete die Evidenz zusätzlich mit GRADE. Dadurch wurde nicht nur gefragt: „Gab es einen Effekt?", sondern auch: „Wie sicher können wir diesem Effekt vertrauen?"

Ziel war es also, den tatsächlichen Nutzen von Kinesio-Taping auf Grundlage der bestverfügbaren wissenschaftlichen Evidenz zu beurteilen.

Das Fazit dieser Studie: Die derzeitige Evidenz ist so unsicher, dass sich weder ein klarer Nutzen noch eine klare Wirkungslosigkeit sicher belegen lässt.

 

 

Aufbau der Studie

Die Autoren führten keine neue klinische Studie durch, sondern eine sogenannte "Overview of Systematic Reviews" (Umbrella Review) mit Evidenz-Mapping.

Das bedeutet:

  • 128 systematische Reviews
  • 310 randomisierte kontrollierte Studien (RCTs)
  • insgesamt 15.812 Patienten
  • 29 verschiedene muskuloskelettale Erkrankungen

Damit steht die Arbeit auf einer sehr hohen Evidenzstufe.


Welche Erkrankungen wurden untersucht?

Unter anderem:

  • Nackenschmerzen
  • Schulterschmerzen
  • Rotatorenmanschettenprobleme
  • Epicondylitis
  • Karpaltunnelsyndrom
  • Kreuzschmerzen
  • Kniearthrose
  • Patellofemorales Schmerzsyndrom
  • Sprunggelenksverletzungen
  • Plantarfasziitis
  • verschiedene Sportverletzungen

Die Autoren wollten wissen:

  • Hilft Kinesio-Taping gegen Schmerzen?
  • Verbessert es die Funktion?
  • Verbessert es Beweglichkeit?
  • Erhöht es Muskelkraft?
  • Wie gut ist die Evidenz?

Die wichtigsten Ergebnisse

 

1. Schmerz

Hier zeigt sich der größte mögliche Nutzen.

Kinesio-Taping kann

  • unmittelbar nach der Anlage
  • sowie kurzfristig (wenige Tage)

die Schmerzen geringfügig reduzieren.

Allerdings:

Der Effekt ist meistens klein und klinisch kaum relevant.

Die Autoren weisen ausdrücklich darauf hin, dass statistische Signifikanz nicht automatisch bedeutet, dass der Patient den Unterschied tatsächlich spürt.


2. Funktion

Kurzfristig wurden kleine Verbesserungen gefunden.

Zum Beispiel:

  • Schulterfunktion
  • Kniefunktion
  • Alltagsaktivitäten

Aber:

Bereits nach kurzer Zeit verschwinden diese Vorteile häufig wieder.

Die Evidenz ist überwiegend niedrig bis sehr niedrig.


3. Muskelkraft

Hier ist das Ergebnis ziemlich eindeutig.

Kinesio-Taping verbessert nicht die Muskelkraft und somit nicht die Stabilität.

Viele ältere Hypothesen über eine "Muskelaktivierung" konnten nicht bestätigt werden.


4. Beweglichkeit (ROM)

Auch hier:

keine konsistenten Vorteile.

Einzelne Studien zeigten Verbesserungen.

Andere nicht.

Im Gesamtergebnis: kein überzeugender Nutzen.


5. Langzeiteffekt

Hier wird die Arbeit besonders deutlich.

Für mittlere und längere Nachbeobachtungszeiten fand sich

  • kaum ein Effekt auf Schmerzen,
  • kaum ein Effekt auf Funktion,
  • kein belastbarer Effekt auf Kraft,
  • kein belastbarer Effekt auf Beweglichkeit.

Das bedeutet:

Kinesio-Taping ersetzt keine aktive Therapie.

 


Was bedeutet das für die Physiotherapie?

Gerade als Physiotherapeut ist der klinische Teil besonders interessant.

Die Autoren empfehlen:

Kinesio-Taping kann als ergänzende Maßnahme eingesetzt werden.

Nicht empfohlen wird Kinesio-Tape als alleinige Behandlung.

Es sollte immer kombiniert werden mit:

  • aktiver Bewegungstherapie
  • Krafttraining
  • Edukation
  • Belastungssteuerung
  • funktionellem Training

Genau das entspricht auch den aktuellen internationalen Leitlinien.


Gibt es Risiken?

Schwere Nebenwirkungen wurden praktisch nicht beobachtet.

Gelegentlich treten auf:

  • Hautreizungen
  • Juckreiz
  • allergische Reaktionen auf den Kleber

Diese sind meist mild und vorübergehend.


Die Kernaussage der Autoren

Die Autoren formulieren ihre Schlussfolgerung bewusst zurückhaltend:

  • Kinesio-Taping kann kurzfristig Schmerzen etwas lindern und die Funktion geringfügig verbessern.
  • Für mittel- und langfristige Effekte gibt es keine überzeugende Evidenz.
  • Die Sicherheit der Wirksamkeit ist überwiegend niedrig bis sehr niedrig.
  • Der Einsatz sollte gemeinsam mit dem Patienten entschieden werden und aktive Therapieformen nicht ersetzen.

Meine Einordnung aus physiotherapeutischer Sicht

Die Ergebnisse passen sehr gut zu dem, was viele erfahrene Therapeutinnen und Therapeuten beobachten:

  • Akute Sportverletzungen oder Schmerzsituationen: Kinesio-Taping kann manchen Patienten subjektiv Erleichterung verschaffen und das Sicherheitsgefühl bei Bewegung verbessern.
  • Chronische muskuloskelettale Beschwerden: Ein nachhaltiger Behandlungserfolg entsteht vor allem durch aktive Maßnahmen wie Krafttraining, progressive Belastungssteigerung, patientenspezifische Übungen und Aufklärung. 

 

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